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"Jede Zeit ist seine Zeit"

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Der Geruch von gebackenem Baguette mit geschmolzenem Käse liegt in der Luft. „Ihr trinkt aber keinen Alkohol?“, fragt der charmante Subway-Verkäufer seine Kundinnen, während er souverän mit Gemüse und verschiedenen Soßen hantiert. Der 23-jährige Noro, ist einer der fünf Bonner, die zu dem Thema Jugend und Kultur im Verhältnis von früher und heute Rede und Antwort standen.

Noro hat in einem Jugendkulturzentrum gearbeitet, doch nun widmet

er seine Aufmerksamkeit nahezu immer der Subway-Filiale. „Manchmal mach ich aber früher Schluss und geh zurück zu meinen alten Leuten und mach Musik mit denen. Mein Tonstudio hab ich noch.“ So eine gemeinsame Musikrichtung sei eng mit Identifikation mit einer Gruppe verknüpft. Man beginne, sich ähnlich anzuziehen und sich aneinander anzupassen, aber dazu müsse man erstmal verstehen, um was es geht und in dieselbe Richtung denken zu können. „Die klassische Musikkultur rund um Mozart ist streng und geordnet. Aber heute ist alles crazy und verrückt. Das bezieht sich nicht nur auf Musik“, stellt er zur Jugendkultur fest.

Damit meint er auch Kunst. Da ist zum Beispiel Graffity, eine kreative Ausdrucksform, die eine Haltung gegenüber der Gesellschaft präsentiert und mit der Jugendliche versuchen, sich Freiheit in der Welt zu schaffen. Kultur bedeute aber auch, Tradition zu respektieren: Es ist Bildung und „Wissen, das von Generation zu Generation weitergegeben wird“, sagt er und erweitert dies, „alles beginnt im Elternhaus.“ Dort entschiede sich, wie sehr ein Charakter bereit sei, sich von anderen Kulturen und Szenen beeinflussen zu lassen. „Faszination ist dabei ein wichtiger Faktor. Manche Leute verstehen das und andere stehen Jugendkultur kritisch gegenüber“, sagt Noro.

Hat die ältere Generation nur noch Mitleid für die Jugend von heute übrig? Solch eine Meinung teilt die 49 Jahre alte Gabriele Neumann, die zunächst nicht bereit ist, sich mit Fragen auseinanderzusetzen. Doch als das Stichwort Kultur fällt, hält sie plötzlich inne und dreht sich überrascht um. „Kultur? Dafür nehme ich mir Zeit. Das ist mein Lebenselixier.“ Sie meint, Kultur spiegle sich in jedem Ausdruck der inneren Werte wider. Als erstes in Kleidung und Auftreten, was an ihrem gepflegten und farbenfrohen Erscheinungsbild bestens erkennbar ist. Theater, Konzerte und Museen seien die gültigen Vertreter kultureller Werte. Die Jugend von heute habe ohne Frage großes Potenzial, aber umzusetzen wisse sie es nicht. „Mit der Jugend empfinde ich, wenn überhaupt, Mitleid, aber eigentlich habe ich nichts für sie übrig. Der klassische Kulturbegriff ist abhanden gekommen“, schildert sie enttäuscht.

Ist Bonn eine Stadt, in der Kultur generationsübergreifend groß geschrieben wird? Diesen Eindruck vermitteln gehetzte Passanten auf dem Bonner Münsterplatz, die verzweifelt versuchen, Augenkontakt zu vermeiden, nicht. Es herrscht reges Treiben, alle sind in Eile. Eine ältere Dame hingegen steht freundlich dreinschauend in der Mitte des Platzes. „Kann ich euch weiterhelfen?“, fragt sie. Eigentlich sei sie mit einer Kollegin verabredet, aber für die Kultur nehme sie sich einen Augenblick Zeit.

„Bildung, Schulung, Kunst, Theater und gute Filme, das ist für mich Kultur.“, erklärt sie hilfsbereit. Ein paar Schrammen zieren ihr Gesicht, dennoch steht sie in aufrechter Haltung. Auf die Frage nach Jugend und Kultur schweift sie ab und kommt ins Erzählen: „Ich bin ein Kriegskind, aber Angst kenne ich nicht.“ Die jungen Leute heute könnten gar nicht mehr wertschätzen, was sie alles haben. „Manchmal sitze ich im Bus, sehe Leute eine Fresse ziehen und denke mir: Ihr habt es überhaupt nicht nötig, ihr lebt in einem Paradies. Früher mussten wir uns mit viel existenzielleren Problemen auseinandersetzen.“ Die 70-jährige dreifache Großmutter ist positiv gegenüber Jugendkultur eingestellt und überzeugt davon, dass sie bei ihrem Enkel ein Bewusstsein für Kultur entwickeln kann. Man sollte die Chance des Teilhabens daran zu schätzen wissen.

Hängt die Auseinandersetzung mit Kultur mit dem gegebenen Umfeld zusammen? Das ist jedenfalls die Meinung des Mitarbeiters des Jugendkulturzentrum St. Cassius, einer Stelle für offene Kinder- und Jugendarbeit. Während viele Kinder um ihn herumtoben und schreien, bleibt er gelassen und nennt die Maslowsche Bedürfnispyramide als Grund. Im Laufe der Zeit ist die Abdeckung der Grundbedürfnisse in Deutschland viel mehr zu einer Selbstverständlichkeit geworden. „Die Freiheiten sind heute viel größer, trotzdem versuchen Jugendliche in einem natürlichen Trieb, ihre Grenzen auszutesten und zu erweitern. Alte Leute vergessen das leider oft. Dabei war jeder früher mal ein Rebell, auch Jugendliche heute brauchen noch ein Feindbild in ihrem Leben“, bekennt er mit einem wissenden Lächeln.

Ist das menschliche Leben in Abschnitte zu gliedern, welche sich von Generation zu Generation wiederholen? Noro, Gabriele, die alte Dame und der Sozialarbeiter haben ihren Platz in der Welt gefunden. Zurück auf dem Münsterplatz scheint ein älterer Herr, der sich auf seinen Gehstock stützt, die Antwort auf die Frage, ob die heutige Jugend genauso eine Kultur hat wie früher, zu kennen: „Es ist ganz einfach. Jede Zeit ist seine Zeit.“

Von Jessica Malinowski, Ronith Schalast und Tara Zerbe

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Medienwerkstatt KAS

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