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Der Ruhepol zum Alltag: Berlins blaue Oase der Stille

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Das Schließen der Tür unterbricht das Tosen des Straßenverkehrs und der vielsprachig dahinplappernden Touristengruppen. Was bleibt, ist eine Stille, ungewohnt klingt sie erst einmal in einer solch lebendigen Umgebung. Ungewohnt, aber beruhigend. Das gedämpfte Licht, das durch die blauschimmernden Fenster fällt, trägt auch seinen Teil dazu bei, spendet Geborgenheit. Hier, in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ist nichts mehr von dem Treiben draußen zu spüren, nur die bunten Einkaufstüten in den Händen einiger Besucher verraten, woher diese gerade kommen. Gedämpftes Murmeln und die mehrsprachigen Erläuterungen der Kirchenführer übertönen das Orgelspiel.

Einer von ihnen ist Jonathan Mezner. Der Architekturstudent ist mittlerweile im sechsten Semester. Seit einem Jahr wohnt er nun hier in Berlin und seit März führt er wöchentlich Touristengruppen durch das oktogonale Kirchenschiff, das Egon

Eiermann in den 1950ern entwarf. Es sei zwar nur ein Nebenjob, doch einer, der über den Job hinausgehe: „Ich wollte nicht nur einfach an der Kasse Einkäufe abscannen und meine Zeit absitzen, sondern etwas darüber hinaus machen!“ meint Jonathan, der kräftig und muskelbepackt so gar nicht wie der typische Kirchenführer aussehen mag.

Eine zierliche, junge Frau schreitet mit wehendem, schwarzem Talar und ebenso wehendem langen Haar durch den Kirchengang und lädt zum Nagelkreuz-Gebet ein. Auf den ersten Blick scheint die Robe viel zu groß für die schmale Gestalt, wie ein Kind, verkleidet in den Kleidern der Eltern, doch als sie zu sprechen beginnt, scheint sie zu wachsen, beginnt die Robe und auch den Raum mit ihrer Stimme zu füllen.

Katharina Stifel ist noch nicht lange dabei. Erst seit knapp einem Jahr ist die 33-jährige Pfarrerin in der Gemeinde. In Neuruppin geboren, studierte sie Theologie an der Humboldt-Universität, arbeitet mehrere Monate als Sterbebegleiterin in einem Hospiz und landet 2015 schließlich hier in Berlin Mitte.

Es sei schon etwas anderes, in einer solchen Sehenswürdigkeit das stabile Wesen der Seelsorgegemeinschaft aufrechtzuerhalten, meint sie und streicht sich mit einer routinierten Bewegung mehrere Haarsträhnen aus dem Gesicht - aber das gehöre hier eben dazu. Die Gemeinde wisse das, aber dennoch: „Manchmal kommt es schon zu einem Zwiespalt zwischen der Kerngemeinde und den Touristen“, gibt Stifel zu bedenken und rückt ihre Hornbrille zurecht.

Berlin sei toll. Das Miteinander der Religionen, auch sie und ihre Gemeinde profitieren davon. Aus diesem Grund sei sie auch an einem Projekt beteiligt, in dem sie gemeinsam mit einem Iman sowie einem Rabbi Jugendlichen die jeweils anderen Religionen und Bräuche näherbringe. Das sei wichtig. Gerade in Zeiten wie diesen.

In ihrer täglichen Mittagsandacht versucht sie die Besucher kurz aus ihrem Alltagstrott zu holen, doch ebenso Aktuelles anzusprechen, zu kritisieren. „Neulich zum Beispiel haben wir die Armenien-Resolution thematisiert, was ja auch eine Art Friedensarbeit ist, eine aufarbeitende.“ Friedensarbeit sei ihr wichtig, doch auch die Arbeit in der Seelsorgeeinheit: Seniorengemeinschaften, Konfirmationsvorbereitung und die Gruppen des evangelischen Kindergartens der Gemeinde. Sie alle sollen trotz der über 1,2 Millionen Besucher jährlich keinesfalls zu kurz kommen. Bei den Kindergartenkindern gehe sie am meisten auf, so meint sie. Vermutlich, weil sie selbst Mutter einer Dreijährigen ist. Bei den Konfirmanden werde es da schon schwieriger. „Die wollen dann meist nicht mehr so recht. Und Bibelarbeit geht da auch oft nicht mehr so gut.“

Das hat Jonathan Mezner auch schon bemerkt. „Wenn das Eigeninteresse fehlt, kann es schnell anstrengend und langatmig werden.“ Schulklassen, bei denen das meist der Fall sei führe er deshalb nicht ganz so gern. Auch an englischsprachige Führungen hat er sich trotz Auslandssemester noch nicht getraut. An den Fachwörtern mangelt es noch. Doch nächste Woche ist es dann so weit.

Die tatsächliche Intention der Gedächtniskirche sei die Mahnung. Die Mahnung auf die Folgen und Konsequenzen des Weltkrieges und die Mahnung auf den Frieden, so hat Katharina Stifel in ihrer Mittagsandacht klargestellt. „Die Kirche soll Rückzugsort von der kommerziellen Außenwelt sein, ohne diese abzuwerten“, sagt sie, während sie sich erneut die Haare zurückstreicht.

Durch die geöffnete, schwere Metalltüre gelangt man wieder auf die Straße. Das schnelle Leben und der hektische Alltag, sie sind nun wieder vorherrschend. Doch begleitet von einer Spur mehr Gelassenheit und innerer Ruhe.

Von Neele Abt

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