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Ein Modell für Europa?

von Dr. Dževada Šuško

Geschichte und Praxis des Islam in Bosnien-Herzegowina

Bosnien-Herzegowina blickt auf eine bewegte Geschichte mit gesellschaftlichen Umwälzungen und kriegerischen Auseinander-setzungen zurück. Insbesondere die bosnischen Muslime waren dabei häufig die Leidtragenden. Vor diesem Hintergrund ist es eher überraschend, dass sich der bosnische Islam durch ein verhältnismäßig hohes Maß an Weltoffenheit und Liberalität auszeichnet. In dieser Hinsicht könnte er möglicher-weise sogar als Modell für einen Islam europäischer Prägung dienen.

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Bosnische muslimische Geistliche im Gebet.

Im Fall der Muslime in Bosnien-Herzegowina kann von einem „Islam europäischer Prägung“ gesprochen werden. Hierunter ist zu verstehen, dass das Islamverständnis der Bosniaken auf Liberalität, Friedensbereitschaft, Versöhnung und Weltoffenheit fußt. Die Islamische Gemeinschaft, das repräsentative Organ der Muslime in Bosnien und den von ihnen besiedelten Diaspora-gebieten, vollzieht ihr religiöses Leben seit 135 Jahren im Einklang mit der herrschenden Rechtsordnung, steht eindeutig für die Trennung von Staat und Religion, finanziert sich aus eigenen Mitteln, ist wirtschaftlich und organisatorisch unabhängig, bietet angesichts diverser Kontrollmechanismen ein hohes Maß an Transparenz, organisiert sich nach demokratischen Prinzipien und bejaht die pluralistische demokratische Staatsordnung. Zudem betont sie stets die europäische Identität der Bosniaken, wozu auch die auf der eigenen Erfahrung beruhende Akzeptanz des Zusammenlebens mit anderen Religionen gehört.

Der vorliegende Artikel versucht zunächst, einige das Verhältnis der Bosniaken zur Religion bis heute mitprägende Besonderheiten, Entwicklungen und Merkmale der Geschichte Bosniens und der Bosniaken aufzuzeigen mit dem Ziel, diese Bewertung näher zu erläutern. Ein Überblick über die Geschichte der islamischen Institutionen, des islamischen Denkens und der islamischen Alltagspraxis in Bosnien seit 1878 schließt sich daran an. Die Darstellung einiger neuerer Einflüsse auf die Lehre des Islam sowie der aktuellen Lage der Islamischen Gemeinschaft runden den Beitrag ab.

Die Bosniaken und die Religion: Historische Besonderheiten und ihre Nachwirkungen

Im Mittelalter stellte Bosnien bereits ein etabliertes Königreich dar, so heiratete etwa eine der Prinzessinnen aus der Familie Kotroman einen südwestdeutschen Grafen und kaiserlichen Berater am Hofe Karls IV. Der Bezug auf das mittelalterliche Königreich hat seit der Habsburgerzeit (1878 bis 1918) bei den Bosniaken einen hohen Symbolwert, wie das 1992 gewählte Staatswappen zeigt – ein Aspekt bosniakischen Geschichtsbewusstseins, der in deutlichem Kontrast zum hegemonialen Diskurs im arabischen Raum und in der Türkei steht.

Die Entwicklung dieser regionalen Identität wurde unter anderem dadurch gefördert, dass „Bosnien“ auch unter der Herrschaft der Osmanen (1463 bis 1878) als Verwaltungseinheit erhalten blieb. So stehen auch die Übertritte zum Islam in offensichtlichem Zusammenhang mit dem Bestehen einer vorreformatorischen „Bosnischen Kirche“ und deren Verfolgung durch die Päpste – Resultat nicht zuletzt einer typisch europäischen Krisenkonstellation. Ein möglicher Zwangscharakter der Islamisierung scheint jedenfalls auch mit Blick auf die Balkanländer (Serbien, Griechenland) eher zweifelhaft. Vielmehr entwickelte sich Bosnien als westlichste Provinz des Osmanischen Reiches zu einem durch konfessionelle Vielfalt – Katholizismus, Orthodoxie, Islam und Judentum – geprägten Land.

Bosnische Muslime machten Karriere im politischen und militärischen Apparat des Osmanischen Reiches und leisteten damit einen entscheidenden Beitrag zur Stärkung des Ansehens und zur Förderung der Entwicklung ihres Landes. In der Endphase des Osmanischen Reiches begünstigte die starke Stellung der militärischen Befehlshaber in den Grenzprovinzen separatistische Tendenzen, so etwa die Autonomiebewegung des Husein-Kapetan Gradaščević – des bis heute populären „Drachen von Bosnien“ – in den 1830er Jahren.

Die österreichisch-ungarische Okkupation führte in Bosnien zu einer Orientierung an Mitteleuropa und einer Abkehr vom Osmanischen Reich.

Nachdem Aufstände in Serbien und Montenegro 1876 die orientalische Krise ausgelöst hatten, einigten sich die europäischen Mächte im Sommer 1878 auf dem Berliner Kongress darauf, diesen die Unabhängigkeit zu gewähren, wobei Bosnien selbst jedoch künftig von Österreich-Ungarn verwaltet werden sollte. Obwohl diese Okkupation von den Muslimen als „Schock“ empfunden wurde, blieben diese mehrheitlich in der Heimat und begannen sich in dem neuen politischen System einzurichten. Für vier Jahrzehnte (1878 bis 1918) gehörte das Land nun zu Mitteleuropa, Modernisierungsprozesse in Gesellschaft, Wirtschaft, Infrastruktur und Schulwesen setzten ein und auch die bosnischen Muslime lösten sich allmählich vom Osmanischen Reich, um sich in Richtung Mitteleuropa zu orientieren. Dies beeinflusste etwa den Lebensstil, die Kleidung und die Hochschulausbildung, jedoch auch die Deutung, die Praxis sowie die Lehre des Islam selbst. Der Habsburger Monarchie gelang es, die Loyalität der Bosniaken zu gewinnen, Voraussetzung dafür waren jedoch die Sicherung der Religionsfreiheit sowie ein Eingehen auf die religiösen Bedürfnisse der Betroffenen, beispielsweise beim Militär. So etwa definierte das Wehrgesetz von 1882 die Rechte und religiösen Freiheiten ganz explizit und detailliert: Muslime durften im Dienst ihre obligatorischen Tagesgebete sowie das Freitagsgebet verrichten und hatten Anspruch auf eine separate, Schweinefleisch und Schweinefett vermeidende Küche. Darüber hinaus wurden Imame eingestellt sowie mit dem Abhalten von Freitags- und Feiertagsgebeten betraut. Im Ersten Weltkrieg wurde die Identifikation der Bosniaken mit der Habsburger Monarchie unter Beweis gestellt, galten doch die Angehörigen der Eliteeinheit des Bosniaken-Regiments als „Österreichs tapferste Söhne“.

Das Attentat des serbischen Nationalisten Gavrilo Princip auf den Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie 1914 galt in Österreich-Ungarn als radikaler Ausdruck eines Beharrens auf den territorialen Forderungen Serbiens. Als Bosnien und die Herzegowina dann 1918 an das von Belgrad geführte „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“ (SHS) angeschlossen wurden, ignorierte dieses die Bosniaken bereits im Namen „programmatisch“; eine umgehend implementierte „Agrarreform“ ruinierte die Landeigentümer. In diesem, mit den meisten Nachbarländern im Übrigen verfeindeten Staat wurden behördliche Schikanen als zur Tagesordnung gehörend empfunden. Die Bosniaken strebten nach Eigenorganisation, um die territoriale Integrität ihrer Heimat Bosnien sowie ihre religiöse Identität im Rahmen der Islamischen Glaubensgemeinschaft zu erhalten. Der Name „Jugoslawien“ geht auf die Einführung der Diktatur 1929 zurück, auf die eine administrative Neueinteilung folgte, welche Bosnien dann auch als interne Verwaltungseinheit zerschlug. Der Zweite Weltkrieg „bescherte“ vor allem der bosniakischen Bevölkerung in Ost-Bosnien Massenexekutionen und Vertreibungen durch „königstreue“ serbische, Tschetniks genannte Militäreinheiten. Insgesamt betrug der Anteil der zivilen Opfer in Bosnien acht bis zehn Prozent. Nach dem Sieg der kommunistischen Partisanen unter Joszip Broz Tito folgte die Entfernung von Nicht-Kommunisten aus Ämtern und Funktionen: Mit einer aggressiven Atheisierungspolitik und Repressionen wurden Gläubige und Dissidenten bekämpft. Einige Gesetze und Verordnungen richteten sich dabei unmittelbar gegen die Muslime – zu nennen wären etwa das Verschleierungsverbot, die Verstaatlichung von Eigentum der Islamischen Glaubensgemeinschaft, die Schließung islamischer Schulen und Sufi-Orden sowie das Verbot religiöser Literatur. Bosniaken waren gerade in jenen städtischen Mittelschichten stark vertreten, welche nach 1945 ein soziales Feindbild darstellten, das nicht in die kommunistische Gesellschaft passte und unter anderem geprägt war von selbständigen Handwerkern und Händlern sowie Angehörigen des konservativen Bildungsbürgertums. Die Islamische Gemeinschaft wurde unter staatliche Kontrolle gestellt, ihr Eigentum – Moscheen, Schulen, Immobilien – großenteils verstaatlicht und ihr Personal häufig vom Geheimdienst gelenkt. Andererseits hat der Sozialismus zur Industrialisierung und Urbanisierung beigetragen. Grundschulerziehung für Mädchen war obligatorisch und Frauen waren präsenter auf dem Arbeitsmarkt. Das Regime versuchte, die Muslime im Rahmen der blockfreien Politik für ihre außenpolitischen Ziele gegenüber sozialistischen Diktaturen in der arabischen Welt – etwa Ägypten, Libyen, Syrien und Irak – zu instrumentalisieren. Mit Hilfe eines mächtigen Geheimdienstes und durch Indoktrinierung eroberte die kommunistische Ideologie den öffentlichen Raum und drang bis ins Privatleben vor. Religiöses Leben zog sich vielfach in den privaten Bereich zurück, für einige Jahrzehnte spielte sich das Glaubensleben vieler Muslime quasi unter einer Glasglocke ab. In dieser Zeit lernten die Bosniaken, die eigenen Kräfte zu mobilisieren und eine ihnen gemäße eigene bosnische Les- und Lebensart von Theologie zu forcieren. Durch offenen oder informellen Druck im Kontext breiterer gesellschaftlicher Transformationsprozesse wurde in der Folgezeit eine Säkularisierung erzwungen und vorangetrieben. Der Religionssoziologe Dino Abazović stellte in einer Umfrage unter 600 Bosniaken fest, dass 60 Prozent von ihnen bevorzugten, Religion als private Angelegenheit zu behandeln. Nur eine Minderheit verrichtete die fünf täglichen Gebete.

Wegen der Repressalien durch die kommunistische Diktatur fand religiöses Leben in dieser Zeit vor allem im Privaten statt.

Nach der Pensionierung von Geheimdienstchef Aleksandar Ranković 1966 kam es zu einem politischen Öffnungsprozess, der bis in die 1970er Jahre währte: Moscheen konnten errichtet werden, die islamische Mädchenschule wurde wiedereröffnet, islamische Bücher durften wieder gedruckt werden, Auslandsstudien unter anderem in Kairo wurden genehmigt und anderes mehr. 1968 wurden zudem die Bosniaken als gleichberechtigte Nation anerkannt, allerdings unter der irreführenden Bezeichnung „Muslime im nationalen Sinne“. Titos Tod 1980 brachte eine erneute Verschärfung der Repressionen mit sich. Die Verurteilung von 13 Intellektuellen, darunter Alija Izetbegovic, in einem inszenierten Prozess 1983 sollte der Einschüchterung dienen, offenbarte jedoch eher die Irrationalität des Regimes auf internationaler Bühne.

Der 1986 zum Parteichef in Serbien avancierte Slobodan Milošević strebte nach einer Rezentralisierung Jugoslawiens. Die Parteiorganisationen in Slowenien und Kroatien wehrten sich und nach der Wende 1990 sprach sich die Bevölkerung dieser Republiken in jeweiligen Referenden mit absoluter Mehrheit für einen Austritt aus Jugoslawien aus. Als 1992 Bosnien diesem Modell folgte, reagierte das Belgrader Regime mit dem brutalen Einsatz der Jugoslawischen Volksarmee, die sich dadurch der Teilnahme an dieser Vernichtungspolitik schuldig machte: Auch wenn dies primär ein Krieg um Territorium war, stellte er ebenso einen Vernichtungskrieg gegen die Zivilbevölkerung, gegen islamische Kulturgüter und gegen die Architektur, allen voran Moscheen, dar. Brachiale Gesten wie das Einschneiden von Kreuzen auf der Haut von Gefangenen führte bei vielen Bosniaken zu der Annahme, sie würden lediglich wegen ihres religiösen Hintergrunds angegriffen – wiewohl sie mehrheitlich kaum eine tägliche Religionspraxis pflegten, sondern den Islam allenfalls nach der Devise „belonging rather than believing“ lebten. Abgesehen vom Krieg selbst mit all seinen Begleiterscheinungen scheint die Wirkung solcher – wenngleich paradoxer – Zuschreibungen bis in die Gegenwart hinein ein wachsendes Interesse an der eigenen Herkunft bewirkt zu haben.

Im Sommer 1992 sprach der amerikanische Journalist und Träger des Pulitzer-Preises Roy Gutman bereits von einer Rückkehr des Völkermords auf europäischen Boden. Zwischenzeitlich entdeckte Massengräber bestätigen die Massaker an der Zivilbevölkerung, die kollektive Hinrichtung von Srebrenica stellte nur einen der Höhepunkte dieser Kriegsverbrechen dar. Vertreibungen und Deportationen in Konzentrations- und Vergewaltigungslager waren seit Frühjahr 1992 an der Tagesordnung. Zudem war vom Sicherheitsrat ein Waffenembargo gegen Bosnien verhängt worden. Als 1993 Tuđman und Milošević einen Pakt schlossen mit dem Ziel, Bosnien zwischen Kroatien und Serbien aufzuteilen, wurden die Bosniaken von beiden Seiten angegriffen, obwohl in der bosnischen Armee auch zahlreiche bosnische Serben und Kroaten für die Unabhängigkeit des Landes und für territoriale Integrität kämpften. Dem Iran hoch anzurechnen ist, dass er das Waffenembargo unterlief. Hervorzuheben ist, dass die Waffenlieferungen in Abstimmung mit den USA erfolgten. Auch Deutschland, damals im „kritischen Dialog“ mit Teheran stehend, „ignorierte“, so der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl, ab 1994 das Embargo.

Europäisch geprägt: Der von den Bosniaken praktizierte Islam

Bosniaken sind autochthone europäische Muslime, die nicht nur geografisch, sondern auch historisch und kulturell zu Europa gehören. Der Islam in Bosnien wurzelt in der sunnitischen Tradition, der hanefitischen Rechtsschule und der Maturidi-Theologie, wobei diverse Sufi-Orden eine mystische Interpretation des Islam vertreten. Wichtiger Bestandteil der religiösen Praxis sind (Bitt-)Gebete, die an Wallfahrtsorten verrichtet werden (dovišta). Die Praxis selbst stammt aus vorislamischer Zeit, aus dem mittelalterlichen Bosnien, wo Anhänger der häretischen Sekte sich zum Gebet auf Bergebenen und an Flussufern versammelten. Noch heute treffen sich Gläubige und Vertreter der Islamischen Gemeinschaft an festgesetzten Kalendertagen, um diese Tradition beizubehalten. Zu einem wichtigen Element der bosniakisch-muslimischen Identität entwickelte sich eine Reformationsbewegung für die Wiederbelebung des islamischen Denkens. Angesichts der intensiven Begegnungen und Erfahrungen mit diversen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systemen sahen sich religiöse Gelehrte veranlasst, Antworten auf neue Lebensumstände zu finden, insbesondere im späten 19. Jahrhundert, als Bosnien unter der Administration Österreich-Ungarns stand und der Islam in Bezug zur europäischen Kultur gestellt wurde. Progressive Modernisten oder Reformisten wie etwa Mehmed Teufik Azabagić, Mehmed beg Kapetanović-Ljubušak, Mehmed Džemaludin Čaušević, Husein Đozo unter anderem nahmen die aktuellen Herausforderungen an und passten die Interpretation des Islam den veränderten Lebensumständen an. Auch im „ersten Jugoslawien“, als die Bosniaken nicht mehr als Volk anerkannt wurden und das Eigentum der Islamischen Gemeinschaft größtenteils verstaatlicht wurde, leistete die reformistische Tradition der Gelehrten ihren Beitrag zur Pflege des religiösen Lebens und zum Erhalt der bosnischen Identität. Eine Denkschule entstand, welche auf der Grundlage der Quellen des Islam – Koran und Sunna – nach Wegen suchte, Muslimen ein Leben in verschiedenen säkularen Staatssystemen ohne Aufgabe der eigenen religiösen Identität zu ermöglichen. Die Erfahrung, sich in verschiedenen Gesellschaftssystemen zurechtzufinden und mit anderen Religionen und Nationen zusammenzuleben sowie zugleich den Islam auf Grundlage der legitimen Quellen – erneut Koran und Sunna – mit Hilfe legitimer Mittel (Idschtihad) kontextgemäß zu reinterpretieren, förderte die Erfahrung von Vielfalt und stärkte die Anpassungsfähigkeit der Bosniaken.

Die Islamische Gemeinschaft: Ein Nein zu Extremismus und Gewalt

Wesentlicher Bestandteil der religiösen Identität der Bosniaken ist die Islamische Gemeinschaft (Islamska zajednica u Bosni i Hercegovini, IZ), die während der österreich-ungarischen Epoche 1882 gegründet wurde und die offizielle religiöse Organisation der Bosniaken darstellt. Diese Organisationsform des Islam in Bosnien gilt heute als vorbildlich für Europa. Die Islamische Gemeinschaft ist unabhängig vom Staat und von anderen Organisationen, finanziert sich aus eigenen Mitteln, hat ein gewähltes Oberhaupt (Reisu-l-ulema), eine halbdemokratisch gewählte Legislative (Sabor), ein Verfassungsgericht, das eine verfassungskonforme Arbeit der Islamischen Gemeinschaft sicherstellt, sowie einen Verwaltungsapparat (Rijaset). Die Einnahmen stammen überwiegend aus Mitgliedsbeiträgen, Abgaben (zekat, sadakatu-l-fitr) sowie aus Stiftungen (vakuf). Die Gemeinschaft ist für Moscheen zuständig, bildet Imame und Religionslehrer aus und ernennt sie, erstellt Rechtsgutachten (fatwa) und zeichnet verantwortlich für den Religionsunterricht sowie für das Studium der Theologie an drei Hochschulen. Die für die Ausbildung von Imamen, Theologen und Islamwissenschaftlern zuständige Fakultät für Islamwissenschaften in Sarajevo hat sich eindeutig gegen eine extreme und Gewalt predigende Deutung des Islam positioniert. Die Islamische Gemeinschaft sieht sich als zentrale islamische Autorität für die Muslime in Bosnien und im Ausland; auch für Imame, die in bosnischen Moscheen in Deutschland, Australien oder USA vorbeten. Sie werden in ihrer Gesamtheit vom Reisu-l-ulema ernannt. Die zentrale Organisation der Islamischen Gemeinschaft gilt, die mit den in ihren Bildungseinrichtungen (Medresen und Fakultäten) ausgebildeten Imamen, Religionslehrern und Theologen als Modell dafür, wie Muslime organisiert, geführt und vertreten werden können. Diese Zentralisierung hat sich durchaus als vorteilhaft und stabilisierend erwiesen, da es in den von der Gemeinschaft selbst kontrollierten Moscheen keine Fälle von Radikalisierung gegeben hat. Laut eigenem Statut (Verfassung) gründet die Gemeinschaft ihre Aktivitäten auf dem Koran und der Sunna, der islamischen Tradition der Bosniaken, sowie auf der Basis aktueller Bedürfnisse. Unter dieser Tradition wird die Art und Weise verstanden, wie bosnische Muslime seit etwa 600 Jahren ihre Religion in Bosnien praktiziert, gedeutet und unterrichtlich vermittelt haben. Die Islamische Gemeinschaft hat sich mehrfach zum Prinzip der Trennung von Religion und Staat bekannt. Somit gab es auch keine ausdrückliche Forderung nach der Einführung der Scharia, dem islamischen Recht. Die Haltung der Bosniaken, die das Gesetz achten und einen eher europäischen Lebensstil pflegen, ist auch daran erkennbar, dass Polygamie nie praktiziert wurde. So nennt Xavier Bougarel die Bosniaken auch „irreversibel säkular“. Die Islamische Gemeinschaft ist auf demokratischen Prinzipien aufgebaut. Die Amtsinhaber, angefangen beim Reisu-l-ulema, werden durch Wahl bestimmt, ihre Mandate sind auf einen Zeitraum von vier bis sieben Jahre begrenzt und können maximal um ein weiteres Mandat verlängert werden. Auch in dieser Hinsicht kann von einem Islamverständnis europäischer Prägung gesprochen werden. Die Religionssoziologin Merdjanova, die sich der Erforschung des Islam auf dem Balkan anhand von Vergleichsstudien widmet, hat festgestellt, dass der Islamischen Gemeinschaft der Bosniaken bei der Vermittlung eines positiven Islam-Bildes eine Schlüsselrolle zukommt und diese als Modell für die Muslime in Europa gesehen werden kann.

Wiederbelebung des Islam: Ursachen, Gefahren, Chancen

Die Demokratisierungsprozesse in den späten 1980er und 1990er Jahren führten zum Sturz des kommunistischen Systems. Da Menschenrechte und damit auch die Religionsfreiheit zu den Werten einer demokratischen Gesellschaft gehören, durfte Religion nun wieder in der Öffentlichkeit praktiziert werden. Die neu entstandenen politischen Parteien beriefen sich auf die nationale und religiöse Identität ihres Volkes, was in den meisten Fällen rasch in Nationalismus umschlug. Anzeichen einer wachsenden Präsenz von Religion im öffentlichen Raum waren z. B. die Einführung von Religionsunterricht in Schulen, zunehmend frequentierte Gebetshäuser, kopftuchtragende Frauen, Trauungen in Moscheen, Eröffnung von islamischen Schulen sowie Fakultäten und Ähnliches. Wie in anderen postkommunistischen Gesellschaften setzte eine Neubelebung der Religionen ein.

Zudem hat der Krieg in Bosnien von 1992 bis 1995, in dem primär die Bosniaken zu Opfern von Völkermord, Massenvernichtungen, Vertreibungen und Vergewaltigungen wurden, zu einer wachsenden Rückbesinnung der Muslime auf Gott und auf die Religion geführt. Auch der Einfluss von Globalisierungsprozessen, multimedialen Netzwerken, sozialen Medien und Internetforen haben ihre Rolle gespielt. Sie erleichterten die schnelle Verbreitung neuer Ideen und Islaminterpretationen. Inzwischen gibt es eine breite Auswahl selbsternannter Prediger, welche ihre Vorträge online posten, ebenso aber auch fragwürdige islamische (Online-)Rechtsgutachten mit zweifelhaftem Hintergrund, verfasst auf der Grundlage mangelhafter theologischer Kenntnisse.

Auch wenn westliche Staaten, allen voran Deutschland und Österreich, im Bosnienkrieg humanitäre Hilfe leisteten, Flüchtlinge aufnahmen und diese versorgten, war während des Krieges keine klare Strategie seitens der EU oder der USA mit dem Ziel einer Beendigung des bewaffneten Konflikts in Bosnien erkennbar. So war die bosnische Armee auf sich selbst gestellt, die Menschen fühlten sich von der westlichen Welt, den VN, der EU und den Großmächten im Stich gelassen. Die Menschen in Bosnien hatten fest daran geglaubt, dass der Westen es nicht zulassen werde, ein multiethnisch und multireligiös geprägtes Land mit seinen zahlreichen historischen Denkmälern vor ihren Augen zu zerstören. Doch die Ernüchterung folgte bald. Die bosnische Regierung suchte Hilfe bei Ländern, die bereit waren, Waffen, Geld und Nahrungsmittel für ihr Land zur Verfügung zu stellen. Dies waren insbesondere Iran und Saudi-Arabien. Andere Länder, wie z. B. Libyen und Syrien, gaben sich zurückhaltend, Gaddafi erhielt sogar von Milošević einen Orden für Öllieferungen nach Serbien während des Krieges. Hilfe für Bosnien kam aus den genannten Ländern auch in Form von Kämpfern und islamischen missionarischen Hilfsorganisationen, die unter anderem auch islamische Literatur kostenfrei verteilten. Diese beinhaltete Übersetzungen aus dem Arabischen, die eine für Bosniaken bis dahin unbekannte Sichtweise hinsichtlich der richtigen Lebensweise gemäß dem und der Deutung des Islam propagierten. Aus der darin gebotenen Sicht erschienen die Muslime in Bosnien als zu unreligiös und zu weit abgedriftet vom „wahren“ Islam. Mit Stipendien für Theologiestudien in Kairo, Medina, Damaskus und Amman wurden Absolventen ausgebildet, welche bei ihrer Heimkehr teilweise ein neues Islamverständnis mitbrachten. Mehrheitlich muslimische Länder haben zudem viel zum Wiederaufbau besonders der zerstörten islamischen Architektur beigetragen, insbesondere jene Staaten, die vom kommunistischen Regime gemieden worden waren, wie etwa die Türkei, Saudi-Arabien und Katar. Bis heute sind verschiedene Organisationen mit Kulturzentren präsent, die etwa Sprachkurse oder Ähnliches anbieten. Dies führte zu einer Pluralisierung der islamischen Szene in Bosnien, einerseits innerhalb der Strukturen der Islamischen Gemeinschaft durch Öffnung gegenüber anderen Rechtsschulen, andererseits informell als Resultat von Globalisierungsprozessen. So verbreitete sich außerhalb und jenseits der Kontrolle und des Einflusses der Islamischen Gemeinschaft, eine alternative und bisweilen wortwörtliche, nicht kontextgemäße Auslegung des Islam. Viele durch Krieg und Völkermord traumatisierte Bosniaken empfinden diese als Angriff auf das traditionelle bosnische Islamverständnis, wobei sie deren Rigidität zurückweisen, mit der versucht wird, eine Religion des Friedens, der Glücksverheißung und der Toleranz durch eine der Unzufriedenheit, der Dunkelheit und des Ausgrenzens zu ersetzen. Die Rede ist sogar von einem geheimen Krieg zwischen Iran und Saudi-Arabien um langfristigen Einfluss auf politische, religiöse und sicherheitsrelevante Einrichtungen in Bosnien. Der Einfluss aus der Türkei durch türkische Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen nahm vor allem seit der Machtübernahme der AKP zu. Viele Bosniaken begrüßten diese Entwicklung als Gegengewicht zu den Salafisten und betonten den Bezug zum osmanisch-türkischen Kulturkreis als einem integralen Bestandteil der islamischen Tradition der Bosniaken. Dies manifestiert sich sowohl in der Praxis des Islam als auch hinsichtlich der Entwicklung eines säkularen Staatsverständnisses seit der Tanzimat-Zeit, der Epoche des durch das Osmanische Reich in den 1830er Jahren eingeleiteten Modernisierungsprozesses, der im Gegensatz zu der Entwicklung in Saudi-Arabien oder im Iran steht. Faktisch hat sich neben dem autochthonen Islamverständnis der Bosniaken ein Wettbewerb zwischen türkischen und saudi-arabischen Islaminterpretationen gebildet.

Weitere islamische Gruppierungen, die unter den Bosniaken in Bosnien und den von ihnen besiedelten Diasporagebieten, jedoch außerhalb der Islamischen Gemeinschaft selbst wirken, sind Schia, Ahmadijja, Bahai und die Sufi-Orden (Nakschibendi) sowie die Anhänger des Fethullah Gülen (Nurdschije). Über sie wird in den Medien nicht berichtet, auch wenn sie unter den Bosniaken ihre Anhänger haben mögen. Schia-Organisationen in Bosnien wie z. B. das Institut Ibn Sina, die Frauenorganisation Kewser, die Stiftung Mulla Sadra, der Kindergarten sowie die Grund- und Mittelschule Djulistan, die Zeitschrift Znakovi vremena, der TV-Kanal Sahar usw. werden vom Iran finanziert. Sie adressieren alle Gesellschaftsschichten in Bosnien und haben das Potenzial, eine neue Glaubenspraxis zu importieren. Die Ahmadiyya sowie die Bahai-Bewegungen sind in Bosnien über auf Friedenssicherung ausgerichtete Bildungsprojekte aktiv, wenngleich neben ihnen auch diverse andere islamische Bewegungen und schulische Einrichtungen, auch aus der Türkei, zu nennen sind. Zu ihnen zählen neuere Sufi-Orden, die regierungstreue International University of Sarajevo (IUS), mehrere Grund- und Mittelschulen (Bosna Sema) und eine Hochschule (International Burch University) des Gründers Fethullah Gülen sowie die mit diesem verbundenen humanitären Organisationen religiöser Provenienz (Hizmet). Die Medienaufmerksamkeit gilt jedoch überwiegend ausländischen „Kämpfern“ und Salafisten. Nationalistische Politiker, wie z. B. die kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarović oder der tschechische Präsident Miloš Zeman, bedienen sich populistischer Rhetorik, wenn sie allen Bosniaken unterstellen, radikale Islamisten und eine Gefahr für Europa zu sein, und tragen so zu einer gegenwärtig zunehmenden Intoleranz gegenüber Muslimen auf dem Balkan und in Europa bei.

Die starke Stellung der Islamischen Gemeinschaft macht es radikal-islamischen Strömungen deutlich schwerer, in Bosnien Fuß zu fassen.

Tatsächlich haben die radikalen Strömungen aus dem Ausland in Bosnien ein Implementierungsproblem, so dass sich der Einfluss auf das Alltagsleben des Islam in Grenzen hält: Bosniakische Eltern nutzen zwar deren Bildungseinrichtungen für ihre Kinder, nehmen an angebotenen Sprach- und Computerkursen teil und sind dankbar für humanitäre Hilfe. Die Religionslehrer und Imame jedoch werden nach wie vor von der Islamischen Gemeinschaft ausgebildet und ernannt. Islamische Literatur wird hierbei vom Verlagshaus der Gemeinschaft El-Kalem herausgegeben und distribuiert, und auch die Bildungseinrichtungen der Islamischen Gemeinschaft behalten den größten Einfluss.

Das Phänomen der ausländischen Kämpfer und Salafisten

Die ausländischen Kämpfer der Kriegsjahre vertraten größtenteils ein anderes Islamverständnis. Dies war auch die Grundlage der salafistischen Bewegung, die für den traditionellen Islam die größte Herausforderung darstellte. Die Salafisten erschienen mit ihrem Anspruch, den „richtigen“ Islam zu praktizieren, von außen betrachtet als monolithisches Konstrukt aus Saudi-Arabien, tatsächlich sind sie untereinander zerstritten. Unterschieden werden vier Fraktionen, die in ihrer Gesamtheit auch in Bosnien vertreten sind: Die Taqlidiyun stehen für eine konservative Islaminterpretation, obschon sie sich explizit unpolitisch gerieren und sich von gewalttätigem Extremismus distanzieren. So sehen sie etwa Osama bin Laden als jemanden, der lediglich Unordnung bringt und Verwirrung stiftet. Nichtsdestotrotz kritisieren sie die Art und Weise, wie die Bosniaken den Islam praktizieren, und akzeptieren mitnichten die Autorität der Islamischen Gemeinschaft. Stattdessen befürworten sie eine Absonderung von der Gesellschaft. Die Sahwa (Auferstehung) haben die größte Anhängerschaft inner- und außerhalb Saudi-Arabiens. Ihr Fokus liegt auf der Bildung, wenngleich sie sich bei ihrer ideologischen (nicht militanten) Konfrontation mit säkularen sowie liberalen Werten selber gegenüber eben diesen westlichen Werten geöffnet haben. Sie positionieren sich gegen Gewalt und respektieren den Staat Bosnien sowie die Islamische Gemeinschaft, auch wenn es Kontroversen gibt. In Bosnien selbst sind sie durch Internetportale, NGOs, TV-Sendungen, Publikationen sowie schulische Einrichtungen vertreten. Dschihadisten bilden die dritte Gruppe. Sie stellen den militanten Zweig der Salafisten dar, wobei sie den Kampf als religiöse Pflicht aller Muslime ansehen, sofern Muslime angegriffen werden und der Feind klar definierbar ist, so wie es im Krieg gegen Bosnien der Fall war. Sie sprechen daher von einem „legitimen Dschihad“. Die vierte, militanteste, extremste und gefährlichste Gruppe sind die Takfiristen. Die Bezeichnung gilt als Synonym für al-Qaida, ISIL oder die Al-Nusra-Front in Syrien. Takfiristen nehmen für sich das Recht in Anspruch, Muslime, muslimische Gesellschaften, Politiker, Intellektuelle und alle, die sich nicht mit ihrer Idee identifizieren, als Ungläubige und Abtrünnige zu erklären und zu liquidieren.

Auch aus Bosnien sind radikale Islamisten zum Kämpfen in den Irak und nach Syrien gereist.

Diese komplexe salafistische Szene versucht sich seit 25 Jahren in Bosnien zu et ablieren, wenn auch gegen den Widerstand der Islamischen Gemeinschaft und des Großteils der Bosniaken. Lediglich einzelne Gruppierungen wurden in parallelen Kleinstgemeinden (para-džemat) tätig oder leben zurückgezogen in zwei Dörfern. 2016 rief die Islamische Gemeinschaft dazu auf, die sogenannten parallelen Gruppierungen aufzulösen und sie strukturell in die Gemeinschaft zu integrieren. Das Resultat war entsprechend dem jeweiligen Islamverständnis unterschiedlich: Einige Gruppierungen vertreten einen konservativen, aber gewaltfreien Islam, der die säkulare Gesellschaft mit dem Ziel einer Veränderung herausfordert, andere, militantere Extremisten sehen nahezu alle Bosniaken inklusive des Reisu-l-ulema als Ungläubige an. Erstere integrierten sich schließlich in die Islamische Gemeinschaft, die Militanten lehnen dies ab: Von 38 parallel zur Gemeinschaft wirkenden Gruppierungen traten 14 der Gemeinschaft bei. Um die Integrationsgegner kümmert sich nun der bosnische Staat, wobei die Behörden kaum ein nennenswertes Interesse daran zeigen, diese Kleinstgruppen intensiv zu observieren und sicherzustellen, dass sie sich an die gesetzlichen Bestimmungen für Nichtregierungsorganisationen und religiöse Einrichtungen halten, sowie darüber zu wachen, dass ihre Aktivitäten satzungskonform verlaufen, bzw. sie andernfalls mit Blick auf die Erfordernisse der inneren Sicherheit zu schließen.

Der Einfluss dieser parallelen Kleinstgruppen ist nicht zu unterschätzen, auch wenn eine Animosität seitens der traditionellen Bosniaken gegenüber den Salafisten besteht. Diese Gruppen sind keinesfalls rein spirituell ausgerichtet, vielmehr stellen sie ein Risiko für die Gesellschaft und die Sicherheit dar, denn sie greifen dort an, wo der Staat Schwächen zeigt. Zu nennen wären die Bereiche Korruption, Nepotismus, Inkompetenz, Arbeitslosigkeit sowie andere politische Hindernisse. Diese Gruppen waren es auch, die Kämpfer in den Mittleren Osten schickten: Während im Bosnien-Krieg Kämpfer aus dem Mittleren Osten nach Bosnien kamen, führen heute Bosnier im Irak und in Syrien Krieg. Seit einigen Jahren ist eine Mobilisierung in Bosnien, aber auch in anderen Balkanländern wie etwa im Kosovo, in Albanien und in Mazedonien zu beobachten – einschließlich aller damit verbundenen Sicherheitsrisiken. Schätzungen zufolge sind bisher 164 bosnische Staatsbürger (Männer und Frauen) in den Krieg im Irak und Syrien gezogen. Diese Zahl ist jedoch deutlich niedriger als beispielsweise jene aus anderen westeuropäischen Ländern, so Azinović, Sicherheitsexperte der Universität Sarajevo. Neuere Studien haben ergeben, dass diese Kämpfer häufig ehemalige Kriminelle sind – ohne Ausbildung, arbeitslos, vielfach aus zerrütteten Familien oder Ehen stammend sowie in gesundheitlich (mental) prekärem Zustand befindlich. Ihre Motive sind vielfältig: Neben persönlichen Problemen ist auch ihre ideologische Ausrichtung ein Motor. Bei der Rekrutierung spielt der persönliche Kontakt und Austausch mit Menschen aus radikalisierten Kreisen eine wichtige Rolle. Kernpunkt ist hierbei die Abkoppelung von der eigenen und die Einbindung in eine neue, ideologische Familie, die Respekt und Fürsorge, Unterstützung, Zugehörigkeitsgefühl und Sinngebung, aber auch oft Geld bietet. Ziel dieser militanten salafistischen Gruppierungen ist es, die kulturelle und ethnische, von einer jahrhundertealten Tradition der Toleranz und des Zusammenlebens geprägte Identität der Bosniaken zu untergraben und an ihrer statt eine globale und religiöse Scheingemeinschaft – die Umma – in den Vordergrund zu stellen, für die es zu kämpfen gilt. Die Motive sind vielfältig – sie variieren von der Vorstellung, aus religiösem Pflichtbewusstsein in einen „islamischen Staat“ auswandern zu müssen, bis hin zum Drang, einem Adrenalinrausch nachzugeben.

Unter den Bosniaken insgesamt ist die Zahl der Anhänger einer extremen Islaminterpretation niedrig, wie auch die Studien von Evan Kohlman und Juan Carlos Antúnez Moreno, Experten für religiösen Extremismus, gezeigt haben. Die Bosniaken sind eher zurückhaltend gegenüber neuen Deutungen des Islam, doch offen für eine zivile, gewaltfreie und friedliche islamische Lebensweise: „The main obstacle to the spread of radical Islam in Bosnia is not NATO or the European Union or any other international organisation, but the Muslims of this country. (…) Bosnian Muslims are not a threat for Europe, they are an opportunity.“ In neuerer Zeit zeigen sich die Beziehungen der Bosniaken zur muslimischen Welt vielfach kommerziell begründet, während dieses Verhältnis im religiösen Milieu emotional, d. h. im Sinne einer konfessionellen, nicht aber politischen Verbundenheit geprägt ist. Zugehörigkeitsgefühle zu Europa oder dem Westen einerseits und der muslimischen Welt andererseits schließen sich heute nicht mehr aus, da sich der Westen im Laufe der Globalisierungs- und Modernisierungsprozesse in der muslimischen Welt ebenso zurechtfinden muss wie der Islam seinerseits im Westen. Der Terrorismusbekämpfungsexperte der EU Gilles De Kerchove meinte im September 2017 in einem Interview für die spanische Zeitung El Mundo, Großbritannien habe mit einer Zahl von mindestens 20.000 die meisten Extremisten, danach komme Frankreich mit etwa 17.000, Spanien mit 5.000 und Belgien mit 2.000. Gemessen daran erscheint die Zahl der Anhänger eines gewalttätigen Islam in Bosnien irrelevant – und dies, obwohl die absolute Mehrheit der Bevölkerung in Bosnien muslimische Bosniaken sind.

Grenzen setzen, präventiv wirken, gemeinsam handeln

Bosnien war 2014 der erste Staat in der Region, der das Strafgesetz ergänzt hat und die Teilnahme an ausländischen paramilitärischen und parapolizeilichen Formationen unter Strafe stellte. Damit wird eine Teilnahme am Krieg in Irak und Syrien strafrechtlich verfolgt. Wichtig ist, dass der Staat in dieser Hinsicht nicht getrennt von der Gesellschaft operiert, sondern beide Seiten in Fragen der Prävention und des Sicherheitserhalts involviert sind.

Gemäß der geltenden Gesetzeslage in Bosnien ist die Islamische Gemeinschaft alleine autorisiert, den Islam in Bosnien zu lehren und zu deuten. Seit dem Aufkommen alternativer islamischer Lehren hat die Gemeinschaft zahlreiche Maßnahmen eingeleitet und durchgeführt, von denen nur einige hier erwähnt seien: Schon 1993, inmitten des Krieges, erstellte der damalige Reisu-l-ulema ein Rechtsgutachten, welches die Lehre der hanefitischen Rechtsschule als allgemein verbindlichen Maßstab für den Ritus in Moscheen, Gebetsräumen und Tekkes, etwa bei religiösen Veranstaltungen, festlegte. Die islamische Tradition der Bosniaken wurde integraler Bestandteil des Statuts der Islamischen Gemeinschaft. In einer Deklaration aus dem Jahr 2006 wurde Europa im islamisch-theologischen Sinn als „Haus des Friedens und der Sicherheit“ anerkannt, wobei sich die unterzeichnenden Muslime dabei nach dem Prinzip eines Gesellschaftsvertrages zu Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, zu Toleranz und Menschenrechten bekannten. Ebenfalls 2006 wurde eine Resolution über die Deutung des Islam erlassen: Seitdem wurden zahlreiche Fortbildungsseminare, Diskussionen, Konferenzen über alternative Deutungen des Islam, Mäßigung im Islam, Jugendarbeit usw. veranstaltet, mit dem Ziel, aufklärend, präventiv und informativ zu wirken. 2007 erschien eine weitere Deklaration, der zu Folge eine Islaminterpretation institutionell verankert sein muss. 2008 wurde das Institut für die islamische Tradition der Bosniaken gegründet, welches durch Forschungsprojekte, Publikationen, Konferenzen und Ähnliches das Islamverständnis der Bosniaken wissenschaftlich erschließt, aufarbeitet und somit festigt. 2012 wurde das Zentrum für innermuslimischen Dialog (Vesatijja) gegründet, das mehrere Bücher aus dem Arabischen ins Bosnische übersetzt hat, deren Betrachtungsgegenstand die Maßhaltung im Islam, der Religionsmissbrauch und der gewalttätige Extremismus sind. Wegweiser war hierbei auch die Plattform über die Zusammenarbeit der Islamischen Gemeinschaft und der Organisationen islamischer Orientierung. 2015 unterschrieben 37 einflussreiche Vertreter der Bosniaken aus staatlichen, politischen, religiösen, wissenschaftlichen und kulturellen Einrichtungen eine gemeinsame Erklärung gegen gewalttätigen Extremismus und Missbrauch von Religion. Der Gelehrtenrat (Vijeće muftija) erteilte 2016 Anweisungen zur Integration einzelner Personen und Gruppierungen, die islamisch aktiv sind, ohne Mitglied der Islamischen Gemeinschaft zu sein. Hierzu betonte der Reisu-l-ulema: „Wir werden nicht erlauben, dass uns andere den Islam lehren.“

Zusammenfassung

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Geschichte der Bosniaken zu allen Zeiten eingebunden war in den Kontext der europäischen Geschichte. Stets haben die Bosniaken mit Angehörigen anderer Konfessionen und Ethnien zusammengelebt. Trotz teils schwieriger Umstände lernten sie, sich in verschiedene Staaten und Systeme zu integrieren und hierbei den Glauben an den Islam zu bewahren, aber auch Vorstellungen und Konzepte aus ihrer Umgebung wie Menschenrechte und Demokratie zu übernehmen. Statt „Toleranz“ (Duldung, gemeint ist die durch den absolutistischen Zentralstaat) bevorzugen heute allerdings viele Muslime in Bosnien den Begriff der Akzeptanz, da dieser die Erfahrungen pluralistischen Zusammenlebens (suživot) deutlicher spiegelt. Dieses und der intensive Austausch mit Angehörigen verschiedener Ethnien und Religionen begünstigten Anpassungsfähigkeit und Akzeptanz von Vielfalt – trotz Migration, Repression und des Kampfs um physisches und kulturelles Überleben. Vor allem die Geschichte Jugoslawiens (1918 bis 1992) war, zumal für die Gläubigen, aber auch für die Bosniaken als Gruppe, stets aufs Neue auch von Diskriminierungen und Zurücksetzungen geprägt. Andererseits wurde der Wunsch immer lauter, die bosnische Sprache, die territoriale Integrität Bosniens und die religiöse Identität, wenn auch nicht als tägliche Praxis, so doch als kulturelles Erbe beizubehalten. Trotz Repressionen haben die Bosniaken seinerzeit nicht zu Gewalt gegriffen und blieben beim eigenen, auf Freiheit und Friedfertigkeit beruhenden Islamverständnis.

Die mit dem Ende des Sozialismus eingeleiteten Demokratisierungsprozesse erleichterten die Verankerung von Menschenrechten und Religionsfreiheit. Später haben die Globalisierung und das Internet einen regen Austausch mit neuen Ideen und einem anderen als dem bisher bekannten Verständnis von Islam ermöglicht. Doch der Vernichtungskrieg gegen Bosnien, und vor allem gegen die Bosniaken, sowie die Unentschlossenheit der westlichen Großmächte, den Krieg zu beenden, öffneten die Türen zu anderen Muslimen, die ihre Brüder und Schwestern – auch auf missionarischem Wege – unterstützten. Die seit den 1990er Jahren pluralistische islamische Szene relativierte das Monopol der Islamischen Gemeinschaft. Auch wenn diese gesetzlich die einzig anerkannte islamische Autorität in Bosnien ist, muss sie demokratische Prinzipien sowie die Religionsfreiheit respektieren. Der Staat Bosnien befindet sich mehr als 20 Jahre nach Kriegsende nach wie vor in einer Transitionsphase. Korruption und Inkompetenz, Mängel und fehlendes Verantwortungsbewusstsein in der Politik, Vetternwirtschaft und eine hohe Arbeitslosigkeit, wirtschaftlicher Notstand sowie eine dysfunktionale Verwaltung bergen nach wie vor die Gefahr der Radikalisierung in sich und können nicht zuletzt in einem gewaltsamen Extremismus münden. Das Versagen der staatlichen und gesellschaftlichen Strukturen wird in den für einen solchen Extremismus anfälligen Kreisen als Beweis dafür angesehen, dass Menschen ohne eine göttliche Ordnung sowie die absolute Unterwerfung unter Gott nicht in der Lage sind, gerechte und funktionierende Systeme aufzubauen.

Aus diesem Grunde ist es unerlässlich, dass EU und NATO ihr Interesse an Bosnien erneuern und sichtbarer zum Ausdruck bringen, um die auf eine Destabilisierung hinarbeitenden Kräfte einzudämmen. Hauptziel muss es hierbei sein, den Rechtsstaat zu stärken und eine auf Integration zielende Politik zu unterstützen, welche die Werte von Würde und Gleichheit fest verankert, um Stabilität, Sicherheit und Fortschritt in der Region zu erhalten und dauerhaft zu sichern.

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Dr. Dževada Šuško ist Direktorin des Instituts für die islamische Tradition der Bosniaken mit Sitz in Sarajevo.

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