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Geschichtspolitische Konflikte in den USA und Deutschland

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Statuen berühmter Figuren der Weltgeschichte stehen ebenso in den USA wie hierzulande unter Beschuss. Während die einen für die „Entsorgung“ von Denkmalen fragwürdiger Helden plädieren, warnen andere vor Geschichtsvergessenheit. Doch sind Denkmalstürze und Debatten um Monumente und Straßennamen mitnichten ein Novum, sondern Teil einer kontinuierlichen Verständigung über das, was wir als Geschichte erinnern oder lieber vergessen wollen. Gleichzeitig geht der sogenannte „Bildersturm“ – insbesondere in den USA – einher mit einer „Denkmalmanie“ (Doss 2010), einer steten Zunahme von Erinnerungsorten und einem Gedenken an Menschen und Taten, die die Geschichtsschreibung gern ausblendet.

Fakt ist: Unsere Beschäftigung mit Fragen der Erinnerung hat seit den 1990er-Jahren den Rückblick in die Vergangenheit favorisiert und die Zukunft ins Abseits manövriert. Angesichts zunehmend dringlicher Probleme wie Klimawandel oder Wirtschaftskrisen melden sich mögliche Zukünfte nun kleinlaut zurück. Da jedoch jedweder kulturelle Diskurs immer auch ein Modus der Erinnerung ist, behält jede Kultur – auf jeweils eigene Weise – die Vergangenheit im Blick.

Was aber sind die Fronten und Verteidigungslinien dieser „Kulturkriege“, deren Begriffe wir gern aus den USA übernehmen? Die Eigenheiten US-amerikanischer Erinnerungskulturen wurden mir bei einem Besuch des Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C. im Jahr 1995 besonders offensichtlich. Während wir es gewohnt sind, dem Nationalsozialismus vornehmlich mit dokumentarischer „Aufarbeitung“ oder symbolischer Formgebung zu begegnen, laden Museen in den USA dazu ein, Geschichte hautnah zu erfahren. Dass das Holocaust Memorial Museum „unsere“ Geschichte nicht nur anders erzählt, sondern den Holocaust gar nacherlebbar machen will, hat mich seinerzeit irritiert, ja empört, aber auch inspiriert (Sielke 2000). Zugleich öffnet das den Blick für das Wechselspiel zwischen einer deutschen „Expertise“ in Sachen Rassismus in den USA und Amerikas Anliegen, den Holocaust als eigene kulturelle Erinnerung zu reklamieren. All dies macht evident: Erinnerungsprozesse sind als Formen von Wahrnehmung auf Vergessen angewiesen. Folglich befördern neue Erinnerungsorte ein kontinuierliches Update unseres kulturellen Gedächtnisses.

Dennoch stellen sich weiterhin viele Fragen: Warum entzündet sich die kulturelle Selbstverständigung vornehmlich an Skulpturen, Kunstobjekten und Architektur? Gibt es „gute“ und „böse“ Formen von Erinnerung? Wie unterscheiden sich die Konflikte um Figuren und Ästhetiken kultureller Erinnerung in den USA und Deutschland? Wie „vertragen“ sich Denkmale in Erinnerungslandschaften wie der Washington Mall, der Museumsund Monumentenmeile unweit des Weißen Hauses? Dort gilt die Ehrerbietung sowohl dem schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King als auch Thomas Jefferson, Mitbegründer und dritter Präsident der Vereinigten Staaten, aber auch Sklavenhändler. Und welche Rolle spielt das Vergessen bei alldem?

 

Erinnerungspraxis braucht Vergessenskultur

Beginnen wir mit Kolumbus, dem vermeintlichen Entdecker Amerikas, der – zum Zeitpunkt seines Todes 1506 bereits fast in Vergessenheit geraten – im 19. Jahrhundert für italienische Immigrantinnen und Immigranten zum Wahrzeichen kultureller Vielstimmigkeit avancierte. Mit dieser Legende, so heißt es, müsse nun endlich Schluss sein; sie feiere die Multikulturalität eines weißen Amerikas und das Erbe einer Siedlerkolonie, die indigene Völker ausmerzte und als Sklavenökonomie reüssierte. Auch deshalb haben Kolumbusstatuen seit einiger Zeit einen schweren Stand. Dabei scheint vergessen zu sein, dass Kolumbus den Weg ebnete für religiös und politisch Verfolgte – von den Puritanern bis zu Flüchtlingen aus dem Irak und Burma – und für viele, die nichts zu verlieren hatten. Und müssten konsequenterweise nicht auch Kolumbien und die Columbia University umbenannt werden?

Bilderstürmerei, so heißt es, befördere die Geschichtsvergessenheit. In der Tat hat es Geschichtsbewusstsein zunehmend schwer: In Zeiten digital-synchroner Zeiterfahrung verflüchtigt sich der Sinn für Historizität zusehends. Doch die Behauptung, Geschichte würde vergessen, setzt voraus, dass wir uns auf eine verbindliche Version der Vergangenheit geeinigt hätten – was mitnichten der Fall ist; nicht umsonst bemühen wir mittlerweile den Plural „Geschichten“. „Vergangenheit“, so erläutert Peter Reichel bereits 1995 in seinem Buch Politik mit der Erinnerung, „entsteht erst dadurch, dass sie erzählt, aufgeschrieben und dargestellt wird, ob in Denkmälern oder an Gedenktagen, in Dokumentationen, wissenschaftlichen Deutungen oder in epischen Werken.“ Anders formuliert: Geschichte braucht Praktiken der Erinnerung, die unser kulturelles Selbstverständnis formen, fortschreiben, kontinuierlich „updaten“ und umgestalten. Denkmalstürze sind Teil dieser Erinnerungspraxis, die ohne Vergessen nicht zu haben ist.

Martin Luther King, Jr. National Memorial, Washington, D.C. Foto: © IMAGO / Depositphotos

Allzu oft wird auch vergessen, dass die Kritik am Denkmal ein alter Hut ist. Bereits im 19. Jahrhundert waren „tote Steine“ nicht für alle das Medium überzeugender Erinnerungsarbeit. In den USA propagiert die Living Memorial-Bewegung seit über 100 Jahren alternative Praktiken, wie etwa theatrale Aufführungen, die nur in der Erinnerung Beteiligter Bestand haben. Auch Denkmalstürze haben dort eine lange Geschichte: Kaum war die Unabhängigkeitserklärung 1776 in New York öffentlich verlesen, holte man die Reiterstatue des britischen Königs Georg III. an der Südspitze Manhattans vom Sockel – ein symbolischer Königsmord.

Die kontroversen Konföderierten-Denkmale, die im Süden der USA seit den 1870er-Jahren errichtet wurden, verdanken rassistischer Segregation und gängiger Rassenpolitik ihre Standfestigkeit bis in die 1960er-Jahre. Seither haben Kommunen sie im ganzen Land aus dem öffentlichen Raum entfernt. Ähnlich wie die Konföderiertenflagge an öffentlichen Gebäuden waren sie steter Stein des Anstoßes, vielerorts dennoch resistent. Einigen wurde mit Gegendenkmalen begegnet, andere kamen erst am Rande aktueller Proteste gegen systemischen Rassismus und Polizeigewalt zu Fall.

Karl-Marx-Statue in Trier – ein Geschenk der Volksrepublik China. Foto: © picture-alliance / Harald Tittel / dpa

Eine wachsende Anzahl alternativer Erinnerungsorte widmet sich möglicherweise Vergessenen, darunter der Cancer Survivor Park in Indianapolis (1995–2017) und das Rosie the Riveter Memorial im kalifornischen Richmond (2000); auch Menschenrechte und Zukunftsaussichten werden – als aussterbende Spezies – bereits musealisiert: Im kanadischen Winnipeg öffnete 2014 das Museum for Human Rights, Berlin betreibt seit 2019 das „Haus der Zukünfte“ namens Futurium. Gleichzeitig bastelt die deutsche Erinnerungskultur – bisweilen restaurativ, in Teilen aber auch deutlich amerikanisiert – an Baustellen, die von Kolonialismus und Kaiserreich über den Nationalsozialismus bis zur DDR-Geschichte reichen. Längst haben wir uns den affektiven US-amerikanischen Umgang mit dem Holocaust angeeignet, wie zum Beispiel mit Daniel Libeskinds Architektur im Jüdischen Museum Berlin oder den Stelen von Peter Eisenmans Holocaust-Mahnmal am Brandenburger Tor, das – sehr deutsch, aber gelungen – um einen „Ort der Information“ ergänzt wurde. Unweit entfernt feiert man nach dem Abriss des Palasts der Republik und dem Wiederaufbau des Stadtschlosses als Humboldt Forum die Renaissance royalen Glanzes. In der Tat sei vielerorts der Neofeudalismus auf dem Vormarsch, wie der Kulturwissenschaftler Henning Bleyl diagnostiziert, als „Teil […] einer Retrospektivität, deren Werte in einem vor-demokratischen System wurzeln“. Die globalen Verunsicherungen befördere eine Sehnsucht nach Teilen der Weltgeschichte, die „Überschaubarkeit und klare Verhältnisse“ mit „einer festen Einteilung in oben und unten“ versprechen.

So scheint die deutsche Erinnerungskultur ihre Geschichtspolitik einerseits an die bestehenden ökonomischen Gegebenheiten und die zunehmende Distanz sozialer Schichten anzupassen. Andererseits intensiviert sie die Auseinandersetzung mit dem deutschen Kolonialismus, in deren Zuge unter anderem die Sanierung des monumentalen Bismarck-Denkmals in Hamburg höchst umstritten ist. Bismarck schlicht von der öffentlichen Bildfläche zu räumen, wäre jedoch weitaus weniger wirkungsvoll, als ihn zu „entheroisieren“ und die Granitstatue oberhalb der Landungsbrücken auf den Kopf zu stellen, hinzulegen oder halb einzugraben, wie Afrika-Historiker Jürgen Zimmerer anregte. Grundsätzlich jedoch stellt sich die Frage, welche Figuren der Weltgeschichte unseren changierenden Wertmaßstäben jemals langfristig standhalten könnten. Insbesondere bei der Umbenennung von Straßen ist diesbezüglich kein Ende abzusehen. Die Mobilmachung gegen Karl Marx trieb dabei besonders kuriose Blüten. Erst nach langen hitzigen Debatten stellte sich heraus, dass die Karl-Marx-Straße in Berlin-Neukölln nicht nach dem Philosophen und berühmten Kapitalismuskritiker, sondern nach einem gleichnamigen Bezirksbürgermeister benannt worden war.

 

Zwischen Denkmalschutz und Abrissbirne

Gleichzeitig provoziert etwa die Demontage der erinnerungskulturellen Architektur der DDR mittlerweile bei einigen jüngeren Menschen eine erneute identitätspolitische Auseinandersetzung mit diesem Teil deutscher Geschichte. Für viele dagegen scheint es die DDR und ihre vierzig Jahre andauernden Beschränkungen der Reisefreiheit nie gegeben zu haben. Wie sonst konnten Medien die Corona-Pandemie als größte Einschränkung unserer Freiheit seit 1945 vermarkten? Derweil setzen andere Marx ein Denkmal: Thomas Piketty veröffentlichte 2005 bekanntermaßen ein vielbeachtetes Update von Marx’ Kapital. Und weil aus chinesischer Sicht der Stadt Trier eine wichtige Sehenswürdigkeit fehlte, wurde dort pünktlich zum 200. Geburtstag des Philosophen im Jahr 2018 die Karl-Marx-Statue des Bildhauers Wu Weishan enthüllt. Noch ist sie standfest.

Während der Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag 2020 am Mount Rushmore Memorial in Keystone, South Dakota, verkündete Donald Trump seine Pläne für eine Task Force for Building and Rebuilding Monuments to American Heroes: Es brauche einen „National Garden of American Heroes“ zum Schutz von Statuen, unter anderem für John Adams, Frederick Douglass, Amelia Earhart und Antonin Scalia. Die Journalistin Alexis Coe konterte in der Washington Post mit dem Gegenvorschlag, besser allen gestürzten Denkmalen in einem Museum eine neue Heimat zu geben. Offensichtlich ist der memorial mania keine Grenze gesetzt!

Es bleibt die Frage, ob wir unseren Blick wenden und öffentliche Erinnerungslandschaften in einer anderen Gangart erfahren können. Dafür lohnt ein kurzer Spaziergang über die Washington Mall, einen zentralen Ort US-amerikanischer Selbstverständigung. Dort findet sich seit 2011 unweit der Denkmale für Thomas Jefferson und Abraham Lincoln das Martin Luther King, Jr. National Memorial. Während das landschaftsarchitektonische Credo diese drei Figuren eng verbunden sieht, sind die Fundamente des bronzenen Jefferson und des Marmorpalasts Lincolns längst brüchig. Auch wenn der Monumentalbau für Lincoln, der 1863 die Befreiung der Schwarzen auf den Weg brachte, 100 Jahre später eine imposante Bühne für Kings I Have a Dream-Rede bot – die beiden Männer sind sich fremd. Lincolns Politik diente dem Erhalt der Union; die gesellschaftliche Teilhabe ehemaliger schwarzer Sklavinnen und Sklaven konnte er sich jedoch schwer vorstellen. Und sicher wären Jefferson und Lincoln vor lauter Schreck vom Sockel gefallen, als die Mall im August 1963 vom zentralen Erinnerungsort zur erstrangigen Protestmeile der Bürgerrechtsbewegung in den USA mutierte. Möglicherweise wäre King ihnen im Mai 2020 gefolgt, schockiert angesichts der Notwendigkeit von Demonstrationen gegen anhaltenden systemischen Rassismus. Wie also nähert man sich dem Triumvirat – als Marksteinen kulturellen Selbstverständnisses, als divergenten Stimmen eines Trialogs oder als jeweils eigener Formation spezifischer Erinnerungsprozesse?

Ich selbst habe das King Memorial trotz seiner beachtlichen Ausmaße erst nach einer umschweifigen Suche gefunden – ein Irrlichtern, ebenso eindrücklich wie das denkwürdige Standbild selbst, mit dem die Koordinaten der Erinnerungslandschaften auf der Washington Mall neu vermessen wurden (Sielke 2021). Während der Obama-Administration 2011 mit viel schwarzer Prominenz eingeweiht, wirkt das begehbare Monument für den schwarzen „Nationalhelden“ King ähnlich gigantomanisch wie das Mount Rushmore National Memorial und ebenso ästhetisch wie politisch aus der Zeit gefallen. Es hatte Jahrzehnte, das Engagement unzähliger bekannter und weniger bekannter Menschen und viel Geld gebraucht, King auf ein Podest zu heben: Erinnerungskultur ist Big Business, und um Bestlagen wird hart gefeilscht. Daher ist es verwunderlich, dass ausgerechnet das Team um den chinesischen Künstler Lei Yixin, bekannt für über 150 Monumental- und darunter auch einige Mao-Zedong-Statuen, King aus 159 Granitblöcken zusammenpuzzeln durfte. Martin Luther King „remade in China“! Mich selbst erinnerte Kings künstlerische Anmutung kurioserweise an genau jene Statuen, die man nach 1989 vielerorts vom Sockel geholt hat. Auffällig rückwärtsgerichtet, ist das Szenario gleichzeitig symptomatisch für aktuelle globale Machtkonstellationen und -konflikte – wie die Rivalität zwischen den USA und China. Erinnerungspraxis ist eben immer gegenwärtig, wenn nicht prophetisch. Würden Jefferson und Lincoln von der Mall verbannt – was sehr unwahrscheinlich ist –, wäre das Martin Luther King Memorial einsam und geschichtsvergessen. Es gilt, den Dialog über die Formen unserer Erinnerungskulturen weiterzuführen und dabei Gräben zu überbrücken. Sollten Dialog und Brückenbau fehlschlagen, könnte man ihnen immer noch ein Denkmal setzen oder ein Museum widmen. Besser wäre, daran zu arbeiten, dass es nicht so weit kommt.

 

Sabine Sielke, geboren 1959 in Berlin, seit 2001 Inhaberin des Lehrstuhls  für die Literatur und Kultur Nordamerikas, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

 

Literatur

Bleyl, Henning: „Feudale Zeiten“, in: Die Tageszeitung, 21.03.2014, https://taz.de/ Royale-Begeisterung/!5045892/ [letzter Zugriff: 08.01.2024].
Doss, Erika: Memorial Mania. Public Feeling in America, The University of Chicago Press, Chicago 2010.
Reichel, Peter: Politik mit der Erinnerung. Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit, Hanser, München 1995.
Sielke, Sabine: „Reading Cultural Practices, Re-Reading Race: History, Identity, and the Aesthetics of the United States Holocaust Memorial Museum“, in: Sonja Bahn / Mario Klarer (Hrsg.): Cultural Encounters: American Studies in the Age of Multiculturalism, ZAA Studies, Band 11/2000, S. 81 -102.
Sielke, Sabine: „Mind-Mapping monumentaler Erinnerungslandschaften: Martin Luther King und die National Mall“ in: Tanja Schult / Julia Lange (Hrsg.): Was denkt das Denkmal? Eine Anthologie zur Denkmalkultur, Böhlau Verlag, Köln 2021, S. 131–140.